Wenn das Telefon klingelt und jemand sagt: Wir brauchen euch im Perlachturm, dann weiß man, dass das kein normaler Auftrag wird. Der Perlachturm ist das Wahrzeichen Augsburgs. Über 70 Meter hoch, erbaut im 10. Jahrhundert, umgebaut von Elias Holl im Jahr 1614. Jetzt wird er generalsaniert. Und wir sind mittendrin.
Über den Perlachturm
Der Perlachturm steht direkt neben dem Augsburger Rathaus am Rathausplatz. Der ursprünglich romanische Wachturm wurde 1614/1616 von Stadtwerkmeister Elias Holl auf über 70 Meter aufgestockt. Die aktuelle Generalsanierung läuft seit 2024 und soll 2027 abgeschlossen sein. Die Wiedereröffnung ist für Herbst 2027 geplant.

Der Perlachturm im Herbst 2025: Komplett eingerüstet, der Kran überragt das Wahrzeichen
Der Auftrag
Im Zuge der Generalsanierung müssen die alten Stahlbetontreppen und Zwischendecken im Inneren des Turms komplett rückgebaut werden. Die nachträglich eingebaute Treppe aus Stahlbeton ist statisch nicht mehr tragfähig und muss raus, bevor die neue Erschließung gebaut werden kann.
Das klingt erstmal nach einem Standard-Rückbau. Ist es aber nicht. Nicht einmal ansatzweise.
- Der Turmschaft ist extrem eng: Jede Treppe muss in transportable Stücke zerlegt werden
- Die Mauern sind teilweise fast 1000 Jahre alt und dürfen nicht beschädigt werden
- Erschütterungen müssen auf ein Minimum reduziert werden, da das gesamte Bauwerk unter Denkmalschutz steht
- Jedes herausgesägte Betonstück muss per Kran über die offene Turmspitze nach oben und hinaus transportiert werden
- Staub, Wasser und Vibration müssen in einem historischen Bauwerk kontrolliert werden
Man steht in einem Turmschaft, der so alt ist wie manche Länder. Jeder Schnitt muss sitzen. Es gibt keine zweite Chance.
Warum Sägen statt Stemmen?
Bei einem normalen Abriss würde man mit Presslufthammer und Hydraulikmeißel arbeiten. Hier undenkbar. Die Vibrationen würden die historische Mauersubstanz gefährden. Risse im mittelalterlichen Mauerwerk wären irreparabel.
Deshalb setzen wir auf Wandsägetechnik. Die Wandsäge schneidet den Stahlbeton mit einer diamantbesetzten Klinge, Millimeter für Millimeter. Kein Schlag, keine Erschütterung. Der Schnitt ist so sauber, dass die angrenzende historische Wand unberührt bleibt.


Links: Der mittelalterliche Steinbogen am Eingang zum Treppenhaus. Rechts: Blick nach oben durch den engen Turmschaft.
Der Prozess: Schnitt für Schnitt
Wandsäge montieren
Die Wandsäge wird auf einer Schiene direkt auf der Betontreppe montiert. In dem engen Turmschaft bleibt kaum Platz zum Arbeiten. Unsere Monteure positionieren die Schiene exakt, damit der Schnitt die historische Wand nicht berührt.

Die Wandsäge sitzt millimetergenau auf der Schiene: Diamantklinge gegen Stahlbeton
Schneiden unter Kontrolle
Jede Treppe wird in mehrere Segmente zerlegt. Die Schnitte laufen wassergeführt, um Staub zu binden und die Klinge zu kühlen. Das Wasser wird aufgefangen und abgesaugt, damit die historische Substanz nicht durchfeuchtet.


Die Wandsäge bei der Arbeit: Jeder Schnitt wird kontrolliert und überwacht
Transport nach oben
Das ist der spektakulärste Teil des Projekts. Die Turmkuppel wurde im Zuge der Sanierung abgenommen. Dadurch ist der Turmschaft nach oben offen. Jedes herausgesägte Betonsegment wird an Ketten befestigt, per Kettenzug nach oben gezogen und vom Baukran über die Dachlandschaft Augsburgs abtransportiert.

Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte: Ein Treppensegment schwebt über den Dächern der Altstadt

Volle Konzentration: Unser Monteur führt die Wandsäge durch die Stahlbetontreppe
Das Ergebnis
Nach mehreren Wochen intensiver Arbeit sind sämtliche Stahlbetontreppen und Zwischendecken rückgebaut. Der Turmschaft ist leer. Was bleibt, ist die nackte historische Mauer, unversehrt, ohne einen einzigen neuen Riss.

Der leere Turmschaft von oben: Alle Treppen und Decken sind rückgebaut, die historische Substanz ist intakt


Die Arbeitsplattform ganz oben: Hier werden die Betonteile vom Kran aufgenommen
Der Perlachturm kann jetzt in die nächste Sanierungsphase gehen. Die neue Treppe und der Aufzug werden eingebaut, die Fassade wird restauriert, und ab Herbst 2027 soll der Turm wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Der Lohn der Arbeit: Blick über Augsburg mit St. Ulrich und den Alpen am Horizont
Was dieses Projekt zeigt
Der Rückbau im Perlachturm ist kein Projekt, das man mit Standardmethoden löst. Es verlangt Erfahrung im Umgang mit historischer Bausubstanz, absolute Präzision bei jedem Schnitt und die Bereitschaft, unter Bedingungen zu arbeiten, die alles andere als komfortabel sind.
Für uns ist es ein Projekt, das zeigt, wofür wir stehen: Sauberer Rückbau ohne Kompromisse, auch unter den schwierigsten Bedingungen.